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Dieter Richter   Klassiker: Fünfzig Jahre Pferd Huppdiwupp

Vor kurzem habe ich das kleine Buch im Keller wiedergefunden, unter den abgelegten Sachen unseres Sohnes, als dieser 1988 aus dem Elternhaus ging: abgegriffen, mit Farbstiften bemalt, das Titelblatt herausgerissen, will sagen: immer wieder gelesen, gebraucht, geliebt – „Das Pferd Huppdiwupp“ von Heinrich Hannover. Das Buch, im politischen Wendejahr 1968 erstmals in einem kleinen österreichischen Verlag erschienen, dann einer der ersten und späteren Spitzen-Titel in Rowohlts neuer Rotfuchs-Reihe, wurde das Buch einer ganzen Generation. Einer Generation, die nicht mehr aufwachsen sollte mit der Häschenschule und Grimms Märchen, nicht mehr gegängelt von der Pädagogik einer heilen Kinderwelt, sondern als Gemeinschaft freier, selbstbewusster, emanzipierter Kinder. Ein neuer Wind, eher ein Sturm, wehte damals durch die Kinder- und Jugendliteratur, und einer der Väter dieses Aufbegehrend-Neuen war Heinrich Hannover.

Es war die Zeit der weiterwirkenden Revolte der Achtundsechziger-Bewegung und der antiautoritären Kinderläden, und für uns waren die Kinderbücher des politischen Anwalts und linken Aktivisten Heinrich Hannover – auch wenn sie sich scheinbar unpolitisch gaben – natürlich politische Kinderbücher. Schon der Ort ihres Erscheinens war spektakulär. Zwei der ersten („Die Birnendiebe vom Bodensee“, 1970; „Der müde Polizist“, 1972) waren in schriller, postgelber Aufmachung im jungen, linksradikalen Frankfurter März-Verlag herausgekommen, zusammen mit Günter Amends „Sexfront“ (1970) und Edgar Snows „Roter Stern über China“ (1969). Und dann die Geschichten selber: Sie praktizierten einen respektlosen Umgang mit Autoritäten („Der müde Polizist“), ließen Kinder selbstbewusst auftreten und stürzten die Erwachsenenwelt der Ordnung und des Anstands immer wieder ins Chaos (aus dem sie manchmal nur eine Art Deus ex machina wieder erlösen konnte, wie in „Lis und Len in der Badewanne“, eine Geschichte in der Tradition von Goethes Ballade „Der Zauberlehrling“). Andere wieder arbeiteten mit den Mitteln der Groteske („Der faule Mann Gauli-Mauli“), waren Tier-Satiren („Der Affe am Steuer“) oder Cowboy-Persiflagen, wieder andere rührten an verborgene Schichten des Unbewussten (so die Geschichte vom „Herrn Nein“, die vom Wunder der Liebe erzählt). Permanent jonglierte der Autor mit einem narrativen Modus, der es in Deutschland nie leicht hatte: dem Nonsense. Und selbstverständlich fehlte auch nicht die marxistische Parabel auf den Kapitalismus und das bevorstehende Ende der Ausbeutung („Riesen haben kurze Beine“, 1976), im Nachwort verbunden mit der Hoffnung des Autors, dass aus den Kindern „einmal gute Sozialisten werden“ mögen.

Ob sie es geworden sind, sei dahingestellt. Was diese Geschichten (zu denen bald auch noch Gedichte und Balladen kamen) an Veränderungen tatsächlich bewirkt haben, ist die Erneuerung einer Gattung der Kinder- und Jugendliteratur, nämlich deren Öffnung gegenüber der gesellschaftlichen Realität. Und, damit verbunden, die Anbahnung eines neuen Verhältnisses von Erwachsenen und Kindern, nicht zuletzt von Vätern und Kindern – vermittelt durch den Akt des Erzählens, den Heinrich Hannover immer wieder als Paradigma eines solchen neuen Verhältnisses dargestellt hat, bei dem Kinder ernst genommen werden, in das Geschehen eingreifen, die Abläufe korrigieren dürfen, kurzum selber zu Akteuren werden konnten. Beides ist, in ganz neuen Formen, bis heute eine der Selbstverständlichkeiten unserer Kinderliteratur, unserer Erziehungsvorstellungen und unseres Lebens geworden.

Ein halbes Jahrhundert später muss man daran erinnern, wie neu, wie umwerfend das alles war in einer Zeit, in der das, was heute Umwelt heißt, in der Kinderliteratur weitgehend tabu war. Dass da Geschichten für kleine Kinder auf einmal in einer Anwaltskanzlei spielten, beim Zahnarzt oder auf einer Straße, die tatsächlich Schwachhauser Ring hieß. Ohne dass diese Bücher doch Sachbücher gewesen wären, im Gegenteil. Die Geschichten standen quer zu allen damaligen Kategorien der Literaturkritik. Ich habe für sie den Begriff des magischen Realismus geprägt, das ruft die Tradition der Märchen von Hans Christian Andersen in den Sinn oder von Hermynia Zur Mühlen. Da greift die Mücke zum Telefonhörer, und der Hase seift den Jäger ein. Prosa und Reim fließen ineinander, Sprachspiele und sprechende Namen färben die Rede ein. Das Reale gerät ins Vibrieren, die Welt steht auf dem Kopf, die Phantasie ergreift die Macht (Jean Paul Sartre, 1968).

Wie lebendig ist das noch immer! Die offizielle Literaturkritik mag sich mit Heinrich Hannover schwergetan haben (erst 2019 ist sein kinderliterarisches Werk zum ersten Mal mit einem Preis bedacht worden), die Kinder haben es geliebt. „Das Pferd Huppdiwupp“, bis heute rund 300.000mal verkauft, ins Türkische (2014) und ins Französische (1980) übersetzt [Hop-là le cheval, und aus Lis und Len sind hier Lise et Léo geworden]. Erst 2017 ist die Rotfuchs-Ausgabe von 1972 wieder neu aufgelegt worden, fast unverändert. Nur Fräulein Wohlers ist jetzt zu Frau Wohlers geworden („Die Mücke Pips“), und der Mond legt sich nicht mehr zu den Kindern ins Doppelbett, sondern ins Stockbett („Der Mond im Stockbett“). Alles andere liest heute meine Enkelin genauso wie damals mein Sohn. Lieber Heinrich, Du bist ein Klassiker geworden!

 

Der Text basiert auf der Laudatio für Heinrich Hannover aus Anlass seiner Ehrung als Kinderbuchautor. Dieter Richter wurde 1972 als Professor für Kritische Literaturgeschichte und literaturwissenschaftliche Methodenlehre an die Universität Bremen berufen. Seit 2004 ist Richter emeritiert und freiberuflich tätig.

 

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