1. Noli me tangere  - Eine Jugend in Deutschland  (1925-1954)

Daß ich einmal Kommunisten und andere »Staatsfeinde« anwaltlich vertreten würde, ist mir nicht an der Wiege gesungen worden. Mein Elternhaus war gutbürgerlich, der Vater als Facharzt für Chirurgie und Chefarzt des Städtischen Krankenhauses in Anklam, einer vorpommerschen Kleinstadt von 18.000 Einwohnern, ein angesehener Mann von konservativer deutschnationaler Gesinnung, die Mutter, eine ehemalige Lehrerin, musisch begabt (sie hatte eine schöne, ausgebildete Sopranstimme und spielte sehr gut Klavier), war politisch indifferent, aber immer der Ansicht meines Vaters. »Noli me tangere« (Berühre mich nicht) nannte mein Vater sein Haus in der Friedländer Straße, in das wir 1929 einzogen – ich wurde in diesem Jahr vier –, und darin drückte sich sein Bedürfnis aus, von der Welt in Ruhe gelassen zu werden. Er hatte gegen die Wünsche der Baubehörde auf der Grundstücksgrenze zur Straße hin Mauern durchgesetzt, die so hoch waren, daß man nicht in den Garten schauen konnte. Abends wurden vor allen Fenstern des Erdgeschosses hölzerne Rollos mit Donnergetöse heruntergelassen. Ich wuchs in dem Bewußtsein auf, daß hier ein Stück heile Welt war, in die niemand eindringen durfte.

Die Gefahr drohte von den Kommunisten, das war mir schon als Kind eingetränkt worden. Einmal zeigte mir meine Mutter vom Fenster meines Zimmers im ersten Stock aus einen Kommunisten, der auf der anderen Straßenseite stand und den Pulverturm, das Anklamer Kommunistenblättchen, verkaufte. Ich spüre noch heute das Gefühl, das ich dabei hatte: Gott sei Dank, daß unser Haus feste Türen hat. Einmal wachte ich nachts auf und rannte schreiend ins Schlafzimmer meiner Eltern: »Die Kommunisten haben mein ganzes Zimmer voll Plakate geklebt!« Mein Vater nahm mich an die Hand, kam mit in mein Zimmer und machte Licht. Da verschwanden die Plakate, es war nur der Lichtschein der Straßenlaternen gewesen.

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Im Kindesalter mit Vater und Mutter.

Auch mein Freund Uwe, der neben mir auf der Schulbank saß, hatte mir Angst vor Kommunisten gemacht. Uwe war der Sohn eines Arztes, der schon vor 1933 bei Umzügen die braune Uniform und die Rangabzeichen eines SA-Sturmbannführers getragen hatte. Schon als Achtjähriger war Uwe ins Deutsche Jungvolk, die Kinderorganisation der Hitler-Jugend, eingetreten und hatte mir ein Koppelschloß mit der sogenannten Siegrune geschenkt, das ich dann auch mit Stolz trug. Eines Tages, als wir mit unseren Rollern umherfuhren, Uwe mit Braunhemd, ich immerhin mit Siegrune, kam ein Mann auf uns zu, den Uwe als Kommunisten zu kennen glaubte. Uwe kenntnisreich: »Der will uns verhauen.« Wir türmten sicherheitshalber. Mein kindliches Rechtsgefühl sagte mir, daß mich wegen des Koppelschlosses niemand verhauen dürfe, und ich holte mir Rechtsrat bei dem Polizisten, der an einer Ecke des Marktplatzes den Verkehr regelte – in meinen Augen eine Respektsperson, ein Repräsentant staatlicher Autorität. Mit väterlichem Lächeln erteilte er mir die Auskunft: »Trag ruhig das Koppelschloß, mein Junge.« Und die Welt war wieder in Ordnung. Ein anderes Mal hatte ein Halbwüchsiger, den Uwe ebenfalls zum Kommunisten erklärte, ihm einen Hakenkreuzwimpel vom Roller gerissen und dazu die Drohung ausgesprochen, er solle sich damit nicht noch einmal sehen lassen.

Die beängstigende und verrückte, aber auch faszinierende Welt der Erwachsenen, in der es miteinander konkurrierende, verschieden uniformierte, singende Marschkolonnen auf den Straßen gab, Fahnen, und Leute, die den rechten Arm zackig mit »Heil Hitler!« zum Gruß erhoben, bezogen wir Kinder in unsere Spiele und Phantasien ein. Zu Geburtstagen und Weihnachten wuchs das kriegerische Spielzeugarsenal an, Militärfahrzeuge aller Art, Kanonen und Soldaten, marschierende SA- und SS-Männer in braunen und schwarzen Uniformen. Auch einen Hitler mit beweglichem Arm gab es, der, wenn ich es richtig erinnere, für drei Groschen zu haben war, während die Standardausführung einen Groschen kostete. Er marschierte als einziger nicht, sondern stand mit geschlossenen Füßen, so daß man ihn in den schwarzen Blech-Mercedes hineinstellen und grüßen lassen konnte. Spiele, die oft davon begleitet wurden, daß die braun Uniformierten draußen wirklich vorbeimarschierten, die genagelten Stiefel im Gleichschritt bedrohlich aufs Straßenpflaster klatschend und mit schmetterndem Gesang:

Die Straße frei den braunen Bataillonen

Die Straße frei dem Sturm-Abteilungs-Mann

Es schaun aufs Hakenkreuz voll Hoffnung schon Millionen

Der Tag für Arbeit und für Brot bricht an.

Unsere Einstellung zu den Nazis war nicht ganz unironisch. Eine rostige Konservendose, deren Form und Farbe uns an die steifen Schirmmützen der SA-Leute erinnerte, wurde zum »Nazi-Eimer« ernannt und diente als Fußball. Aber es überwog die Bewunderung für die Hitler, Göring und Goebbels und deren markige antikommunistischen Sprüche. Mein Freund Günter und ich phantasierten uns in langen Wechselgesprächen zu Herrschern erfundener Länder, in denen es keine Kommunisten gab, so daß alle herrlich und in Freuden leben konnten, vor allem schöne Uniformen und Orden trugen. Uniformen und Orden, das waren die Fetische unserer Kinderphantasien, ein Kult, der sicher damit zusammenhing, daß in unserer Familie ein 1917 im Ersten Weltkrieg gefallener Bruder meines Vaters in hohen Ehren gehalten wurde. Ein großes gerahmtes Foto, das ihn in der Uniform eines Offiziers der kaiserlichen Marine zeigte, und sein Offiziersdolch mit silberner Kordel hingen im sogenannten Herrenzimmer an der Wand. Auch die Orden meines Vaters aus dem Ersten Weltkrieg spürten wir in irgendeiner Kiste auf dem Boden auf und betrachteten und betasteten sie immer wieder ehrfürchtig. Einen Uniformumhang, den wir ebenfalls auf dem Boden fanden und »Kriegsmantel« nannten, durften wir als Verdeck für ein im Garten aus Brettern und ausrangierten Radachsen gebautes »Auto« benutzen; das kam uns fast wie eine Entweihung dieses mottenzerfressenen Kleidungsstücks vor. Eines unserer Spiele bestand darin, aus einem großformatigen zweibändigen Werk »Die deutschen Befreiungskriege 1806-1815« Uniformstücke und Orden in der Weise herauszusuchen, daß jeder sich zunächst eine Farbe wünschte und dann aus den Schlachtengemälden die der Farbe entsprechenden Kleidungsstücke und Auszeichnungen zusammenstellte. Soldat sein und das Vaterland verteidigen schien uns das Höchste. Der schönste Vogel in einem selbstgemalten Vogelbuch mit erfundenen Vögeln – es liegt noch in einer meiner Schubladen – erhielt den Namen »Soldat«.

Der Hitler-Junge Quex war uns Kindern durch einen mit erstklassigen Schauspielern besetzten, perfekt gemachten Film als Identifikationsfigur nahegebracht worden; ein sympathischer Junge, der gegen den Widerspruch seines kommunistischen Vaters zum Kämpfer für die Hitler-Bewegung wird und den schließlich die bösen Kommunisten erschießen. Auch als Buch hat mich der Hitler-Junge Quex begeistert und zu Tränen gerührt. »Utz kämpft für Hitler« hieß ein anderes Buch dieser Jahre. Und aus »Pimpf im Dienst«, das mir die Mutter einer Freundin schenkte, bezog ich meine ersten Kenntnisse in Kartenlesen, Geländebeschreibung, Schießen und Exerzierreglement. »Ich bin Adolf Hitlers kleiner Soldat« hieß ein Lied, das wir in der Schule zweistimmig singen mußten. Und auch die von den Nazi-Propagandisten geschickt gemachte Schülerzeitung »Hilf mit« trug dazu bei, daß wir zu wissen glaubten, wer die Guten und wer die Bösen waren.

Als ich endlich selbst – und zwar auch schon als Achtjähriger – die begehrte Uniform, das Braunhemd, die kurze schwarze Hose und das schwarze Halstuch mit dem Lederknoten, tragen durfte, ließ die Enttäuschung nicht lange auf sich warten. Das kollektive Gehampel auf dem Exerzierplatz, wie überhaupt das erzwungene Gemeinschaftsleben in Lagern, Heimen und Kasernen, war nicht meine Sache; ich habe Hitler-Jugend und später Reichsarbeitsdienst und Wehrmacht als deprimierenden Einbruch in die Privatheit meines Lebens empfunden, noch nach Jahrzehnten in Alpträumen wieder auftauchend.

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Sommer 1932. Im weißen Matrosenanzug bei der Geburtstagsfeier meines Freundes Günter (links neben mir). Sein Bruder Helmut dirigiert.

Meine widerwillige Haltung gegenüber den Zwangsgemeinschaften des nationalsozialistischen Staates empfand ich damals als Mangel, zumal ich spürte, daß sie meinen Eltern mißfiel. »Das ist deine Zukunft«, sagte mein Vater, und ich verstand ihn so, daß er mir zwar eine andere Zukunft gewünscht hätte, daß man sich aber anpassen müsse.

»Wählst du Hitler?« hatte ich ihn einmal gefragt, als ich die auf ein Telegrafenhäuschen gemalte Parole »Wählt Hitler!« mit ersten Lesekenntnissen entziffert hatte. Es muß bei der Reichspräsidentenwahl 1932 gewesen sein, als die Deutschen zwischen Hindenburg, Hitler und Thälmann zu wählen hatten. Denn seine Antwort war: »Nein, ich wähle Hindenburg.« Hindenburg, das war für ihn der große Feldherr des Ersten Weltkrieges, der kaiserliche Generalfeldmarschall, der ein Stück deutsche Herrlichkeit von vorgestern verkörperte, an die auch das Bismarck-Bild über dem Schreibtisch meines Vaters erinnerte. Für andere – auch die SPD hatte zur Wahl Hindenburgs aufgerufen – war er der Garant für die Einhaltung der Verfassung. Hindenburg wurde dann aber der Mann, der am 30. Januar 1933 Hitler mit der Bildung einer Regierung beauftragte. Anstelle der deutschnationalen schwarz-weiß-roten Fahne wurde nunmehr bei feierlichen Anlässen die Hakenkreuzfahne über unserem Haus aufgezogen und das Bismarck-Bild eines Tages durch ein Foto des »Führers« Adolf Hitler ersetzt.

Hitlers sogenannte Machtergreifung war in Berlin mit einem von den Nazis gekonnt inszenierten Begeisterungstaumel gefeiert worden, der über den Rundfunk auch in unser Haus übertragen wurde. Mit der Aufgeregtheit eines Fußballreporters schilderte der Sprecher, wie die endlosen Kolonnen der SA und SS mit Fackeln an ihrem Führer, dem neuen Reichskanzler Adolf Hitler, und dem alten Reichspräsidenten Paul von Hindenburg vorbeimarschierten, die nebeneinander am Fenster der Reichskanzlei standen und feierlich herunter grüßten. Und dann war Dr. Joseph Goebbels, der künftige Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, am Mikrophon, der vor der Geräuschkulisse der singenden Marschkolonnen mit wirkungsvoll zurückgenommener Stimme sagte: »Jetzt sind wir die Herren von Deutschland«. Da wurde eine revolutionäre nationale Aufbruchsstimmung vermittelt, die berauschend wirkte.

Hitler imponierte nicht nur uns Kindern als einer, der reden und sich durchsetzen konnte. Auch in der Welt der Erwachsenen passierten wunderliche Dinge, die uns auf einer kindlichen Verständnisebene vermittelt wurden. Die demokratischen Parteien verschwanden, sang- und klanglos, nachdem sie dem Ermächtigungsgesetz für Hitler im Reichstag zugestimmt und damit die Demokratie ihrem ärgsten Feind ausgeliefert hatten. Nur die SPD, die gegen das Gesetz stimmte, und die KPD, deren 81 Abgeordnete bereits verhaftet oder ermordet oder untergetaucht waren, haben diesen Selbstmord der Demokratie nicht mitgemacht. Wir glaubten der Nazi-Lüge, daß die Kommunisten den Reichstag angezündet hätten, und fanden es in Ordnung, daß sie eingesperrt wurden. Vor ihnen brauchte man also keine Angst mehr zu haben.

In der Welt der Erwachsenen gab es einen kollektiven Zulauf zu den Organisationen der NSDAP (National-Sozialistische Deutsche Arbeiter-Partei), dem sich diese schließlich nur durch jahrelange Aufnahmesperre zu erwehren wußte. Mein Vater war 1933, wie überdurchschnittlich viele Ärzte, Mitglied der SS geworden, die damals als die »feinere« Organisation gegenüber der »proletenhaften« SA galt, und der NSDAP beigetreten. Durch seine Berufsarbeit voll in Anspruch genommen, hat mein Vater in der SS keinerlei politische Aktivität entfaltet und war mit Sicherheit nicht an deren Verbrechen beteiligt, aber die formale Mitgliedschaft hat später genügt, ihn nach seinem Tode als »Kriegsverbrecher« zu enteignen, eine Maßnahme der sowjetischen Besatzungsmacht, die einen ironischen Schlußpunkt unter das Kapitel »Noli me tangere« setzen sollte.

Auch mein Großvater mütterlicherseits, Arzt in Festenberg in Schlesien, ein durchaus kritischer Kopf, der mit den »kleinen Hitlers«, wie er die braunen Funktionäre der unteren Ebene nannte, dauernd in Fehde lag, war von Hitler selbst begeistert. Er schickte mir von der Olympiade in Berlin 1936 eine Postkarte mit den Fahnen der beteiligten Nationen und vom Sängerbundesfest in Breslau 1937 einen langen Brief, in dem er als Augenzeuge schilderte, wie Tausende von Menschen in stundenlangem Zug an Adolf Hitler vorbeizogen und wie schließlich »die vom Begeisterungstaumel ergriffenen Frauen« die Sperrketten durchbrachen, unter den Armen der SS-Männer hindurchschlüpften und ihrem »Führer« die Hände entgegenstreckten. Ein Zeitungsausschnitt mit einem Foto lag bei und bestätigte seinen Bericht. Hitler als der große Volksheld, der die Ketten des Versailler Diktats von 1919 zerbrochen und den Deutschen wieder eine Wehrmacht gegeben hatte, die bereitstand, ein Großdeutsches Reich mit Österreich und Sudetenland und den angeblich nötigen Lebensraum im Osten zu erobern.

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Mit diesem Pressefoto illustrierte mein Großvater seinen begeisterten Augenzeugenbericht über das Breslauer Sängerbundesfest 1937. Er glaubte, in einer »großen Zeit« zu leben. Und nicht nur er.

Nur von Großmutter Hannover kamen kritische Töne zu Hitler und den Nazis. Aber ich sagte mir: sie ist eben nicht mit der Zeit gegangen. Sie las Bücher über Kaiser Wilhelm in seinem holländischen Exil und über das Schicksal der russischen Zarenfamilie. Und darum nahm ich es nicht ernst, wenn sie von einer jüdischen Familie in ihrer Stadt Güstrow erzählte, in der ein Junge, der von der Schule habe abgehen müssen, seine Mutter gefragt habe: »Warum bin ich denn ein Jude?«

Uns Kindern schien – ebenso wie vielen Erwachsenen – mit Hitlers sogenannter Machtergreifung alles besser geworden zu sein. Die Nazis hatten Arbeit und Brot versprochen, und man glaubte, Beweise zu sehen, daß sie ihr Versprechen hielten. Jeserich, ein stadtbekanntes Original, hatte jahrelang auf der Straße Trompete geblasen und sich mit dem Bemerken »Ich habe eben ein bißchen Musik gemacht« bettelnd an der Haustür gemeldet. Nun fuhr er plötzlich hoch auf dem mit Pferden bespannten gelben Postwagen als Paketzusteller vorbei. »Den hat Adolf auch in Brot gesetzt«, sagte mein Vater am Frühstückstisch. Daß der wirtschaftliche Aufschwung mit Wiederaufrüstung und Kriegsvorbereitung erkauft war, hat er, wenn überhaupt, wohl erst sehr viel später begriffen.

Mitunter nagte an mir das Gefühl, daß ich eigentlich nicht in eine Zeit paßte, in der harte Männer gefragt waren und die gehorsame Eingliederung in militante Organisationen als staatsbürgerliches Ideal galt. Ich erinnere mich, daß ich in meinen ersten Schuljahren viel länger als andere Kinder meiner Umgebung in der Phantasiewelt meiner Kinderbücher gelebt habe. Wenn ich Das Land der 36.000 Wünsche von Maurois oder Fridolin der Osterhase von Kutzer und Holst aufschlage, kann ich noch heute kindliche Entrückungen und Kümmernisse von damals nachvollziehen, die mich sehr viel mehr ausfüllten als die Anforderungen der realen Welt. Noch bis in meine Jungvolkzeit hinein begleiteten mich Grimms Märchen. Ich werde nie vergessen, daß mein Jungzugführer – ein widerlicher Kerl, der ein sadistisches Vergnügen daran hatte, seine »Lieblinge« in der Weise Kniebeugen machen zu lassen, daß er ein Fahrtenmesser unter ihrem Hintern aufstellte – sich bei mir Grimms Märchen ausgeliehen und nie zurückgegeben hat.

Ich hätte in der Braunhemdumgebung, die ich als Achtjähriger herbeigesehnt und dann sehr bald als lästig und angstmachend abgelehnt hatte, nicht darüber reden mögen, daß ich Mozart liebte und viel lieber in seiner Zeit gelebt hätte. Ich hätte meinen Jungvolk- und Hitler-Jugend-Kameraden nicht davon erzählen mögen, was ich zu Hause spielte, was ich las, was ich schrieb und was meine Phantasie beschäftigte. Zu meinem zwölften Geburtstag hatte ich einen Bücherschrank mit einer Schreibplatte bekommen. Und da saß ich dann und träumte mich in andere Welten. Eines der kindlich versponnenen Machwerke, die da entstanden, hieß »Im Raketenluftschiff zum Mars«, ein anderes »Die Geschichte von den verwunschenen Blutbuchen«, und angeregt durch die Lektüre auf einer mit zwei Freunden unternommenen einwöchigen Tour mit Fahrrad und Zelt durch Mecklenburg, versuchte ich mich sogar an einem Krimi »Der Falschmünzer«, bei dem sich am Ende der Detektiv als der Täter herausstellte. Noch als 16jähriger dichtete ich Texte für Kinderopern nach Märchen der Brüder Grimm und hoffte auf einen neuen Mozart, der sie eines Tages komponieren sollte. Das war 1941, Mozarts 150. Todesjahr, dessen im deutschen Rundfunk in einer langen Folge von Sendungen, von denen ich keine verpaßte, gedacht wurde. Es war aber auch das Jahr, in dem Hitlers Armeen in die Sowjetunion einfielen und alle paar Tage Sondermeldungen über gewonnene Kesselschlachten, vernichtete Panzer, eingebrachte Kriegsgefangene und eroberte Gebiete aus dem Rundfunk tönten.

Auch was ich in diesem Lebensalter las, entsprach wohl nicht dem erwünschten ideologischen Schulungsprogramm der Zeit. Meine Helden waren Karl Mays Old Shatterhand und Winnetou. Und Felix Graf Luckner, dessen Buch Seeteufel ich mehrmals mit Begeisterung gelesen habe. Die Schilderung seines abenteuerlichen Seemannslebens verband sich für mich mit dem, was mir über Onkel Carl, den gefallenen Bruder meines Vaters, erzählt worden war, von dessen Seereisen in ferne Länder es viele Fotos und Ansichtspostkarten gab. Das faszinierendste Buch aus dem Bücherschrank meines Vaters war Kanada wirklich erlebt von Max Hinsche, der neun Jahre als Trapper und Jäger in der unendlichen Einsamkeit der damals noch unberührten kanadischen Urwälder gelebt hatte. Auch Goethe, dessen Werke mir mein Vater zur Konfirmation schenkte, Schiller, den ich aus demselben Anlaß vom Großvater bekam, und vor allem Lessing gehörten zu meiner unzeitgemäßen Lektüre. Lauter wohltuende Fluchten aus der politischen Gegenwart.

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Etwa 1937. Als Zwölfjähriger (dritter von rechts) im Zwangskollektiv. Der Gauleiter von Pommern, Schwede-Coburg, besichtigt das Jungvolk-Fähnlein »Sturmgesellen« in Anklam. Im Hintergrund sein imposanter Mercedes (vielleicht war es auch ein Horch oder ein Stoewer), für den ich mich damals mehr interessierte als für die kriegerischen Sprüche des Nazi-Führers.

Mein Verhältnis zur Schule war zwiespältig. Einerseits hatte ich keine Mühe, den Lernstoff zu bewältigen – von Mathematik und Chemie abgesehen, zwei Fächer, die mir immer rätselhaft geblieben sind –, und schrieb gern Aufsätze. Andererseits bemühte ich mich um Anpassung an den Durchschnitt, seit ich wußte, daß mein Idol Graf Luckner ein schlechter Schüler gewesen war, und ich aus seinem Mund bei einem Vortrag in Anklam den vom Publikum beifällig beklatschten Ausspruch gehört hatte: »Der Primus in der Schule ist nicht immer der Primus im Leben.« Das hat mich in pubertärer Unsicherheit tief getroffen und eine bis zum Ende meiner Schulzeit andauernde Phase bewußter Obstruktion gegen viele Lernangebote der Schule ausgelöst, die ich später sehr bedauert habe. Vor allem Englisch und Französisch haben darunter gelitten.

In der sogenannten Volksschule, die ich von 1932 bis 1936 besuchte, pflegten bestimmte Lehrer Prügelstrafen vor den Augen der Klasse zu vollstrecken. Es waren immer wieder dieselben Kinder, durchweg aus der sozialen Unterschicht stammend, an denen sie ihre grausame Lust ausließen. Einübung in Klassenjustiz. In der sogenannten Oberschule setzte sich dieser Lernprozeß in sozialer Ungleichbehandlung fort, höhere Schüler wurden nicht geprügelt, während unsere Altersgenossen auf der Volksschule weiterhin der Prügelpädagogik ausgesetzt waren. Wir nutzten die neue Freiheit zu allerlei Streichen, die den betroffenen Lehrern sicher nicht so viel Spaß wie uns gemacht haben. Leider waren auch Lehrer betroffen, deren wissenschaftliche Kompetenz und menschliche Qualität mehr Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme verdient hätten, so Dr. Eichhoff, Shakespeare-Forscher und Philosoph, trotz formaler Parteimitgliedschaft ein Gegner des Nazi-Regimes, mit dem ich noch nach dem Krieg freundschaftliche Verbindung hatte.

Unser Klassenlehrer, bei dem wir Deutsch, Latein und Geschichte hatten, gehörte zu denen, die keine pädagogischen Probleme hatten. Er war ein überzeugter Nazi und Kreispropagandaleiter der NSDAP. Aufsatzthemen, in denen sich unsere Gesinnung testen ließ: »Der Führer spricht«, »Jede Revolution will einen neuen Menschen«, »Kein Mensch gedeihet ohne Vaterland« und »Der letzte Mann« (Beschreibung eines Bildes, auf dem der letzte Mann eines untergehenden Kriegsschiffes die Reichskriegsflagge hochhält). Seine Bereitschaft, den von ihm gerühmten Heldenmut in die Tat umzusetzen, stand nicht auf gleicher Höhe, was ihm meine Verachtung eintrug. Unter Hinweis auf seine Kurzsichtigkeit wußte er sich dem Kriegsdienst zu entziehen. Als der Krieg zu Ende ging, setzte er sich rechtzeitig in den Westen ab und brachte es in der Bundesrepublik zum Schulleiter.

Bei diesem Obernazi erfuhren wir ganz unverblümt, wie das Dritte Reich mit seinen politischen Gegnern umging. Er beschrieb uns genüßlich, wie Kommunisten und Sozialdemokraten in den Konzentrationslagern mit sinnlosen Arbeiten schikaniert würden, wie sie Steine auf eine Schiebkarre laden und von einer Ecke des Lagerplatzes zur anderen und wieder zurück fahren müßten. Von Judenvernichtung war nicht die Rede, aber das Feindbild des Juden und das Gefasel von der jüdischen Weltverschwörung und der Gefahr für das deutsche Blut waren allgegenwärtig. Judentum und Bolschewismus, das waren die beiden nebulös miteinander verschlungenen Weltfeinde, die die Nazipropaganda den Deutschen – und zwar nicht nur uns Kindern und Halberwachsenen – zu suggerieren wußte. Und allzu viele haben, wie ihre Bereitschaft zu den entsetzlichen Verbrechen an Juden, Kommunisten und russischen Kriegsgefangenen zeigen, daran geglaubt.

Uns wurde beigebracht, daß das darwinistische Prinzip des »survival of the fittest«, zum »Recht des Stärkeren« verfälscht, auch in der menschlichen Gesellschaft gelte, und daß die Geschichte nicht danach frage, wieviele Menschen zuvor sterben mußten, um die Herrschaft des Stärkeren durchzusetzen. Beispiele genug bot die Geschichte an. Wer fragt noch nach dem Völkermord an den Armeniern, soll Hitler gesagt haben, und in der Tat, man sucht dieses unter deutscher Mitwirkung begangene türkische Massenverbrechen des Jahres 1915 in gängigen Geschichtsbüchern noch heute vergeblich. Man muß wohl einmal diese mörderische, Völker- und Menschenrechte mißachtende Logik als typische Nazi-Ideologie begriffen haben, um sie im kollektiven Denken der Gegenwart allenthalben als solche wiederzuerkennen. Wer regt sich schon darüber auf, daß in der Türkei wiederum ein Völkermord (mit deutschen Waffen) stattfindet, daß ein ganzes Volk durch Aushungerung zur Aufgabe des Sozialismus gezwungen werden soll (Kuba-Embargo), daß amerikanische Truppen das kleine Grenada vereinnahmen, eine unvollständige Liste von Anwendungsfällen des Rechts des Stärkeren, auf die Hitler sich hätte berufen können, wenn er sie noch erlebt hätte.

Daß ich mir schon damals ein Stück Skepsis bewahrte, mag daran gelegen haben, daß ich Freunde hatte, deren Eltern der Nazi-Ideologie kritisch gegenüberstanden und gleichwohl, oder vielleicht gerade deshalb, bei meinen Eltern hohes Ansehen genossen. Das galt für unseren Nachbarn von gegenüber, den Zahnarzt Dr. Friedrich Roling, den Vater meiner Freunde Helmut und Günter, einen stillen und bedächtigen Mann, der sich allen im Nazistaat erwarteten Mitgliedschaften entzog und mit seiner Familie am Heiligabend in die Kirche ging, statt die alljährliche Weihnachtsrede von Rudolf Heß im Radio anzuhören. Da gab es den von den Nazis 1933 als Ministerialbeamter im Mecklenburg-Schwerinschen Justizministerium entlassenen, später als Amtsrichter wieder eingestellten und nach Anklam versetzten Juristen Hans Lachmund und dessen Frau Margarethe, die Eltern meines Freundes Peter, die schon in der Weimarer Republik in demokratischen Parteien (DDP und SPD) aktiv gewesen waren und in der Nazi-Zeit – wie ich allerdings erst nach dem Ende des Dritten Reiches erfuhr – Verbindung zu Widerstandsgruppen hatten, auch internationale Verbindungen (Pazifisten, Quäker) pflegten und Kontakte zu deportierten Juden und inhaftierten Freunden hielten und ihnen durch Paketsendungen halfen. In dem Buch Lebenszeichen aus Piaski (hg. von Else Rosenfeld und Gertrud Luckner, München 1968) sind Briefe der jüdischen Eheleute Erich und Cläre Silbermann (er Grundstücksmakler, sie Klavierlehrerin in Anklam) an Frau Lachmund nachzulesen; sie waren 1940 nach Polen deportiert worden und mußten dort unter primitivsten Bedingungen leben, bis sie in einem Vernichtungslager ermordet wurden.

Auch mein Freund Kurt Bernheim entstammte einer Familie, die im Nazi-Reich gefährdet war, sein Vater, ein Berufskollege meines Vaters, galt nach nazistischer Rassenideologie als »Halbjude«, der jüdische Großvater war ein hochangesehener Wissenschaftler an der Greifswalder Universität gewesen. Der einzige Jude, an den ich mich aus meiner Kindheit erinnern kann, war der Architekt, von dem mein Vater sein Haus »Noli me tangere« bauen ließ; auch er paßte nicht in das gehässig verzerrte Bild, das die Nazipropaganda vom Juden zeichnete. Durch meinen Freund Willi Griese, dessen Vater alter Sozialdemokrat war, hatte ich auch einen Einblick in die proletarische Szene, in der sich übrigens auch meine ersten vier Lebensjahre abgespielt hatten, als wir noch in einer Mietwohnung in der Breiten Straße gewohnt hatten.

Auf sonntäglichen Waldspaziergängen in der weiteren Umgebung meiner Heimatstadt weckte mein Vater in mir die Liebe zur Natur und den Wunsch, eines Tages Förster zu werden. Es war sein eigener Berufswunsch gewesen, den er nicht hatte verwirklichen können, weil seinerzeit die Forstlaufbahn geschlossen gewesen sei, wie er sagte. Und so tat er nun alles, um seinem Sohn diesen schönen Beruf zu ermöglichen. Durch Vermittlung eines Forstmeisters, den mein Vater als Patient kennengelernt hatte, wurde ich dem Landesforstmeister in Stettin vorgestellt und bekam tatsächlich die ersehnte Zulassung zur höheren Forstlaufbahn in Pommern.

Am 17. Mai 1943 wurde ich zum Reichsarbeitsdienst eingezogen, ebenso wie meine Klassenkameraden von der Lilienthal-Oberschule mit einem »Reifevermerk« versehen, aber ohne Abitur. Im August desselben Jahres wurde ich Soldat, »Division Hermann Göring«. In seiner Eigenschaft als Reichsforstmeister hatte der spätere Hauptangeklagte des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses verfügt, daß Forstanwärter ihren Kriegsdienst in der nach ihm benannten Division abzuleisten hätten. Auch eine weitere Bedingung der Zulassung zum Forstberuf hatte ich mit der Naivität eines 17jährigen noch schnell erfüllt, ohne darin irgendein Problem zu sehen: vier Wochen vor meiner Einberufung erhielt ich die Mitteilung, daß meinem Antrag auf Mitgliedschaft in der Partei – der einzigen Partei, die es in diesem Staat gab – stattgegeben sei. Meiner Zukunft als Forstmeister im deutschen Wald hätte nichts mehr im Wege gestanden. Aber es war Krieg, und es sollte nur noch zwei Jahre dauern, bis die aus dem Kinderlied bekannte Zeile »Pommerland ist abgebrannt« bittere Wirklichkeit wurde und die Nachfrage nach deutschen Forstleuten auf ein Minimum schrumpfte.

Von Ende August 1943 bis zum Tag der Kapitulation, 8. Mai 1945, war ich Soldat der deutschen Wehrmacht. Ausbildung in Holland, Fronteinsätze in Italien und ganz zum Schluß in der Gegend von Görlitz und Bautzen. Schön waren nur die Monate, die ich Anfang 1944 in Cortina d’Ampezzo, an Lungenentzündung erkrankt, im Lazarett (Hotel Bellavista) und im Erholungsheim (Hotel Villa Argentina) verbringen konnte, von einem Wiener Internisten, Professor Dr. Lapp, ungewöhnlich lange an diesem friedensmäßig sicheren Ort festgehalten und mit großzügigen Ausgangsgenehmigungen in die herrliche Gebirgslandschaft für mein allmähliches Gesundwerden belohnt. Die übrige Zeit war die schlimmste meines Lebens, an die ich mich nicht gern erinnere, aber immer wieder erinnert werde. Schlimmer als die Erinnerungen an das eigentliche Kriegsgeschehen verfolgen mich die an das militärische Zwangssystem, diesen erzwungenen Verzicht auf Individualität und persönliche Freiheit, der auch die Grundlage des KZ-Systems bildete. Diese Assoziation taucht immer wieder auf, wenn ich Erlebnisberichte aus den Konzentrationslagern lese. Ich weiß, daß ich das wirkliche KZ nicht überlebt hätte.

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Im April 1944 ließ ich mich bei einem Fotografen in Cortina d’Ampezzo für meine Eltern in Uniform fotografieren. In Cortina d’Ampezzo hatte ich einige Monate im Lazarett gelegen.

Aber auch den Krieg habe ich nur mit viel Glück überlebt. Das wäre ein 18jähriges Leben gewesen, mit dem andere ihre Politik hätten machen können. Mir fällt oft ein Kamerad aus Kassel ein, mit dem ich während der militärischen Ausbildung in Holland auf einer Stube gelegen habe, der kurze Zeit vor mir zum Fronteinsatz nach Italien gekommen und schon in den ersten Tagen auf eine Mine gelaufen und tödlich verwundet worden war. Auf dem Sterbebett hatte er einen Abschiedsbrief an seine Eltern geschrieben, der vor der ganzen Kompanie als mustergültig verlesen wurde, ein Hoheslied auf den Sinn seines Lebens und Sterbens im Sinne der damals herrschenden Ideologie. Was wäre aus diesem jungen Menschen geworden, wenn er ein längeres Leben gehabt hätte? Vielleicht ein bekannter Sänger – er hatte eine schöne Tenorstimme und hat uns oft sentimentale Lieder vorgesungen –, vielleicht ein Mitkämpfer gegen Krieg, Militarismus und neuen Faschismus. Er kann sich nicht dagegen wehren, wenn Politiker in heuchlerischem Ritual etwa auch an seinem Grabe Versöhnungsgesten austauschen, um vergessen zu machen, daß sie gegen neue Feinde weiter rüsten.

Es waren nur ganz »normale« Kriegshandlungen, die ich miterlebt habe, keine spektakulären »Kriegsverbrechen«, die, wie uns später in Kriegsdienstverweigerersachen immer wieder belehrend entgegengehalten wurde, von deutschen Soldaten nicht mehr verlangt werden. Aber es reichte mir.

Ein paar alptraumhafte Szenen haben sich meinem Gedächtnis eingeprägt:

Januar 1944, südlich von Rom, die Amerikaner sind in Nettuno gelandet. Wir haben uns eingegraben. Man darf den Kopf am Tage nicht über die Deckung heben, die Scharfschützen haben sich auf uns eingeschossen. Der Klappspaten wird zum lebenswichtigen Gerät. Ich hatte keinen, hatte ihn mir von einem Kameraden leihen müssen. Zwischen den Linien liegt ein toter amerikanischer Soldat. Ich sehe, daß er einen Klappspaten hat. Nachts krieche ich aus meinem Schützenloch, hin zu dem Kameraden in der anderen Uniform, drehe ihn um und nehme mir seinen Spaten vom Gürtel. Ich komme heil zurück.

Eiskalte Nächte, in denen wir mit sinnlosen Stellungswechseln um den Schlaf gebracht wurden, ich rannte als sMG-Schütze 3 (sMG = schweres Maschinengewehr, der Schütze 3 war für das Tragen der Munition zuständig) auf dem Bahndamm von Littoria hinter meiner Gruppe her, zwei Munitionskästen von je zehn Kilogramm Gewicht an den Armen hängend, viel zu schwer für den 18jährigen, ich blieb völlig erschöpft zurück, warf mich nicht mehr hin, wenn in der Nähe Granaten einschlugen, dachte: wenn mich eine trifft, ist die ganze Quälerei vorbei.

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Meine Eltern – Dr. med. Heinrich Hannover (1893 bis 1945) und Charlotte Hannover, geb. Bley (1895 bis 1945) – im Jahr 1944, ein Jahr vor ihrem Freitod.

Endlich mal in einem Haus, in dem man sich aufwärmen konnte. Ein Kamin brannte, in dem wir alles Holz, das wir fanden, verbrannten. Dann zerbrach einer die Tür eines Schrankes und warf die Scheite ins Feuer. Wir waren ja in Feindesland und das Haus von seinen Bewohnern verlassen. Da erscheint eine junge Italienerin, sieht, wie wir ihre Möbel verbrennen, geht stumm durchs Zimmer und verschwindet. Plötzlich schämten wir uns, und einer sprach es aus: »Eigentlich sind wir ja Schweine.«

Oder: eine nächtliche Szene in Bautzen, April 1945. Wir sind in der verlassenen Wohnung einer Arztfamilie, die offenbar vom gedeckten Abendbrottisch weggelaufen ist, sitzen mit Maschinengewehr und anderen Schußwaffen an den Fenstern und warten darauf, daß aus der gegenüberliegenden Schule, die in Flammen steht, feindliche Soldaten flüchten. Und dann sehen wir sie laufen und halten drauf, dumm, schießgeil und respektlos vor menschlichem Leben. Erst Jahre später habe ich angefangen, darüber nachzudenken, wie Menschen dazu gebracht werden, ohne die Spur einer Gewissensregung auf lebende Menschen in anderer Uniform zu schießen.

Oder: Nach der vorübergehenden Rückeroberung eines deutschen Dorfes bei Bautzen, April 1945, kniet ein gefangener russischer Soldat, ein älterer, bäuerlich aussehender Mann, in einem Vorgarten, die Hände über dem Kopf gefaltet. Mehrere deutsche Soldaten stehen um ihn herum und hören sich an, was einer der Kameraden, der russisch versteht, dolmetscht. Der Russe erzählt von seiner Familie, seinen Kindern. »Ich weiß, daß ihr mich erschießen werdet«, sagt er. Ich gehe beklommen weg. Es soll einen Befehl gegeben haben, keine Gefangenen mehr zu machen.

Als ich bei der Vorbereitung dieses Kapitels in alten Papieren kramte, fand ich den Tagesbefehl des Kommandierenden Generals unseres Panzerkorps vom 20. April 1945, dem letzten Geburtstag des »Führers«. Ein Schreibmaschinendurchschlag auf hauchdünnem Papier, kleingefaltet, »allen Soldaten des Btl. bekanntzugeben«.

Morgen tretet Ihr erneut zum Angriff gegen den Bolschewisten an, der, wenn auch unter sehr hohen Verlusten, wieder in unsere deutsche Heimat einbrechen konnte.

Heute habe ich zu jedem Satz Fragen, die ich damals nicht stellte. Wieso »wieder einbrechen«? Wer hatte diesen Krieg angefangen? Wer war in wessen Land eingebrochen?

Von jedem Einzelnen von Euch hängt es ab, ob die vormarschierenden Feindhorden zum Stehen gebracht werden. In Eurer Hand liegt das Schicksal von Millionen deutscher Frauen und Kinder.

Ja, so sieht die Rechtfertigung des Soldatenhandwerks noch heute aus. Man muß vormarschierende Feindhorden zum Stehen bringen und Frauen und Kinder schützen. Nach den Ursachen und versäumten Alternativen des Krieges wird nicht gefragt.

Und so endete der Tagesbefehl des Generals:

Es lebe unser deutsches Volk!
Es lebe unser Führer Adolf Hitler!

Am 27. April 1945, elf Tage vor Kriegsende, dann ein Angriff, wie wir ihn bei Geländespielen schon seit der Schulzeit hundertmal geübt hatten, ohne mehr als den sportlichen Spaß am Abenteuer im Kopf zu haben. Aber diesmal war es Ernst. Zunächst noch ein »Erfolgserlebnis«: Mit einer erbeuteten russischen Panzerabwehrkanone treffen wir einen russischen Panzer am gegenüberliegenden Waldrand. Er geht in Flammen auf, wir jubeln. Kein Gedanke daran, daß dort junge Menschen verbrennen, auf deren Rückkehr ihre Mütter vergeblich warten werden. Aber dann rücken wir durch ein Waldstück vor, das kaum Deckung bietet, und werden prompt mit Sprenggranaten beschossen. Unmittelbar neben mir wird ein Kamerad tödlich getroffen. Mehrere Verwundete. Ein Granatsplitter trifft mich im Nacken, wenige Zentimeter neben der Wirbelsäule. Einen weiteren Splitter fängt das Magazin der russischen Beutewaffe auf, die ich am Koppel trage. Ich werde vom Sanitäter verbunden und am folgenden Tag mit dem Sanitätskraftwagen abtransportiert. Unterwegs in einer Ortschaft nochmals unter Granatbeschuß. Alles geht irgendwo in Deckung, nur ich mit meiner schmerzenden Verwundung muß bewegungsunfähig im Wagen liegenbleiben. Da lernt man auch als Atheist sicherheitshalber das Beten. Eine Granate schlägt drei Meter neben dem Wagen in das Haus, in dessen Hof man mich abgestellt hat, mehrere Splitter durchschlagen das Fahrzeug, Schotter prasselt auf sein Dach, ich komme lebend und ohne neue Verletzungen davon.

»Tragen Sie ein Amulett?« fragte mich vor Jahren ein Röntgenarzt, als er den russischen Granatsplitter auf dem Bildschirm entdeckte. Er steckt immer noch an derselben Stelle, dicht neben der Wirbelsäule. Ich verdanke ihm wahrscheinlich mein Leben, das sonst vielleicht in einem russischen Kriegsgefangenenlager oder einem sibirischen Bergwerk geendet hätte. Denn dank dieser Verwundung gehörte ich zu den Kolonnen, die durch die nördliche Tschechoslowakei nach Westen strömten und der Umzingelung durch russische Panzerverbände entgingen. Rechtzeitig am 8. Mai 1945, dem Tag der deutschen Kapitulation, langten wir in Karlsbad an, wo amerikanische Truppen standen, und gaben unsere Waffen ab.

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