Über Heinrich Hannover

Heinrich Hannover wurde 1925 in Anklam (Mecklenburg-Vorpommern) geboren. Zwischen 1943–45 war er Soldat der Wehrmacht, kehrte aus dem Krieg jedoch als überzeugter Pazifist zurück. Die ursprünglich angestrebte Laufbahn als Förster konnte Hannover nach Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr realisieren und studierte stattdessen ab 1946 Jura in Göttingen. 1954 wurde er als Rechtsanwalt in Bremen zugelassen und arbeitete fortan wiederholt als Strafverteidiger in politischen Prozessen. Für seine Tätigkeit wurde er vielfach ausgezeichnet, unter anderem 1973 mit dem Fritz-Bauer-Preis und 2012 mit dem Max-Friedlaender-Preis. Heinrich Hannover, der sich auch als Autor zahlreicher Kinderbücher einen Namen machte, lebt heute in Worpswede bei Bremen.

Informationen zum Buch

Die andere Geschichte der Bundesrepublik

Die Liste von Heinrich Hannovers Mandanten spiegelt ein Stück bundesdeutscher Geschichte wider. Der Thälmann-Mordprozess, das Wiederaufnahmeverfahren für Carl von Ossietzky haben im ganzen Land Aufsehen erregt. Die Verfahren gegen Günter Wallraff, Ulrike Meinhof, Peter-Paul Zahl, Karl Heinz Roth, Astrid Proll, Daniel Cohn-Bendit oder der Prozess gegen Hans Modrow stehen symbolhaft für den Zustand unserer Bundesrepublik. An deren Rändern wurde zudem eine Fülle jener Namenloser zu Kriminellen erklärt, die in traditionellen Demokratien das Salz der Gesellschaft bilden: Kommunisten, Anarchisten, Kriegs- und Atomwaffengegner, radikale Kritiker und Unruhestifter. Heinrich Hannover war ihr Anwalt.

»Ich kenne kein Buch, das so präzise und eindrucksvoll den Teil der bundesrepublikanischen Geschichte festhält, den zu verschweigen und zu verdrängen sich Politiker, Journalisten und Historiker größte Mühe geben.« Karl Unger

»Ein sehr wichtiges und spannendes Buch.« Die Zeit

 

Vorbemerkung

Wie dieses Buch entstanden ist

Auf dem Dachboden meiner Anwaltspraxis haben ein paar hundert Akten, alphabetisch in Regalen geordnet, alle Entsorgungen und Umzüge überdauert. Ich hatte sie bei der Ablage von Akten abgeschlossener Verfahren sogleich ausgesondert und als »interessante Fälle« gekennzeichnet, die nicht in Vergessenheit geraten sollten. Die ältesten reichten bis ins Jahr 1954, das Jahr meiner Anwaltszulassung, zurück. Ich dachte, daß sich vielleicht eines Tages Historiker oder Doktoranden für diese Akten interessieren würden. Denn ich hatte das Glück, an vielen Verfahren beteiligt zu sein, die eng mit der Geschichte der Opposition und des Widerstands gegen die Wiederherstellung alter Machtverhältnisse und alter Feindbilder nach dem Ende der Naziherrschaft verknüpft waren. Da ging es um die Wiederbewaffnung und neue Kriegsvorbereitung, um die Stationierung von Atomwaffen, die Notstandsgesetze und andere Polizei- und Staatsaktionen. Und nicht zuletzt um die schleichende neue Machtergreifung alter und neuer Nazis im Staatsapparat und in der Wirtschaft, sowie um die versäumte Justizabrechnung mit den ungeheuren Verbrechen der Nazizeit. Heute ist bei vielen längst vergessen oder nie bekannt geworden, daß Menschen, die sich dieser Entwicklung in Wort und Tat entgegenstellten, trotz freiheitlicher Versprechungen des Grundgesetzes ständig von Polizeigewalt und Bestrafung bedroht waren und anwaltlichen Beistands bedurften. In den verstaubten Akten meiner 41 Jahre dauernden anwaltlichen Berufstätigkeit waren meine Erinnerungen an diesen Abschnitt deutscher Zeitgeschichte aufbewahrt.

Die Akten füllten schließlich Regale von etlichen Metern Breite und nahmen Platz weg, der für neuere abgelegte Akten benötigt wurde. Und als ich Mitte der neunziger Jahre, kurz vor meinem siebzigsten Geburtstag, beschloß, mich aus dem aufreibenden forensischen Kampf zurückzuziehen, und immer noch niemand nach diesen Akten gefragt hatte, stand ich vor der Frage, ob die papierenen Überbleibsel meiner Justizerfahrungen nicht doch dem Zerreißwolf überantwortet werden sollten. Aber da machte mein Freund Christoph Schminck-Gustavus, Professor für Rechtsgeschichte an der Universität Bremen, mir den Vorschlag, in einer seiner Seminarveranstaltungen seinen Studenten und Studentinnen über einige meiner Fälle zu berichten. Ich holte mir nach und nach einige dieser Akten vom Dachboden, blätterte und las in den mürbe und staubig gewordenen Papieren und ließ Erinnerungen wieder wach werden, die ich dann, beginnend mit dem Sommersemester 1995 in wöchentlichen, später in zweiwöchentlichen Abständen einer interessierten Zuhörerschaft, vorwiegend jungen Menschen, vortrug. Unter meinen Zuhörern waren Studienanfänger, auch Studenten anderer Fachbereiche (Soziologen und Politikwissenschaftler) und Gasthörer (u. a. Lehrerinnen), so daß ich einen Darstellungstil finden mußte, der auch die juristische Seite der geschilderten Fälle für Nichtjuristen verständlich machte. Auch wurde mir aus Fragen und Diskussionsbeiträgen meiner jungen Zuhörer klar, daß man den zeitgeschichtlichen Hintergrund vieler Prozesse nicht als allgemein bekannt voraussetzen kann. Und vor allem entdeckte ich, daß es in meinem Kopf eine Fülle persönlicher Erinnerungen gab, die auch über stenografische Prozeßmitschriften und Tonbandaufnahmen von Plädoyers und ganzen Hauptverhandlungen wieder lebendig wurden, so daß ich meinen Zuhörern mehr bieten konnte, als dies anderen Bearbeitern meiner Akten möglich gewesen wäre. Warum also auf Doktoranden und Historiker warten? Das war der Anfang eines Plans, selbst ein Buch über eine Auswahl meiner interessantesten Fälle zu schreiben.

Ich begann das, was ich den Teilnehmern meiner in sechs Semestern veranstalteten Seminare in freier Rede erzählt hatte, nachträglich aufzuschreiben. Und so entstanden die Entwürfe zu etlichen Kapiteln, die ich dann an vierzig Abenden im Kreise von Freunden und Kollegen vorlas, deren Kritik ich noch manche Verbesserung der Texte verdankte. Aber es ging mir nicht nur darum, miterlebte Justizgeschichte festuhalten, sondern auch persönliche Lebenserinnerungen aufzuschreiben, die bis in die Kindheit zurückreichen und darüber Auskunft geben, wie aus dem in der heilen Welt bürgerlicher Wohlbefindlichkeit aufgewachsenen Jungen ein gesellschaftskritischer Streiter gegen militante Unvernunft und justizförmiges Unrecht werden konnte.

Das Buch ist in mehreren Auflagen zuerst im Aufbau Verlag und später im Prospero-Verlag erschienen. Ich freue mich, dass nun eine Neuausgabe, digital und gedruckt, wieder beim Aufbau Verlag möglich geworden ist, für die ich mir eine breite, zeitgeschichtlich interessierte Leserschaft erhoffe.

Worpswede, Oktober 2012

Heinrich Hannover

 

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