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Heinrich Hannover

 

Rezension von

Gerhard Stuby: Vom „Kronjuristen“ zum „Kronzeugen“. Friedrich Wilhelm Gaus: ein Leben im Auswärtigen Amt der Wilhelmstraße.

VSA-Verlag Hamburg, 2008. 511 Seiten. 39.- €

 

Vom „Kronjuristen“ zum „Kronzeugen“

 

Gerhard Stuby, der sich als Völkerrechtler einen Namen gemacht hat, ist bei seinen Recherchen für ein geplantes Buch über den Wilhelmstraßen-Prozeß auf Friedrich Wilhelm Gaus gestoßen, einen bisher kaum bekannten Juristen, der von 1922 bis 1945 Leiter der Rechtsabteilung im Auswärtigen Amt war. Stuby hat entlang der Lebensgeschichte dieses Mannes und seines Arbeitsgebietes, nämlich der Abfassung völkerrechtlicher Verträge, ein Stück deutsche Geschichte beschrieben. Es ist nicht nur die Geschichte eines schließlich zum Botschafter aufgestiegenen Gehilfen deutscher Obrigkeit und seiner Werke, sondern zugleich die Geschichte deutscher Vertragsbrüche, mit denen Hitler seine wahnsinnigen Weltherrschaftspläne und den furchtbarsten aller bisherigen Kriege einleitete.

 

Man gewinnt als Leser Interesse an diesem Friedrich Wilhelm Gaus, der aus bäuerlichem Milieu stammte, als außerordentlich begabter Schüler auffiel und sich zu einem Experten des Völkerrechts entwickelte. Er wurde seinen Dienstherren, von Stresemann bis Ribbentrop und Hitler, unentbehrlich, so daß ihm auch in Zeiten der Nürnberger Gesetze die jüdischen Vorfahren seiner Frau, einer Nichte von Ricarda Huch, verziehen wurden. Aber das war immerhin ein Makel, der zu einer Anpassung nötigte, die Gaus nach dem Krieg selbstkritisch reflektiert hat.

 

Es gelingt dem Autor, die trockene Materie des Abschlusses völkerrechtlicher Verträge – vom Versailler Friedensvertrag über Rapallo, Locarno und Briand-Kellogg-Pakt bis zum Hitler-Stalin-Pakt von 1939 – mit dem Leben seines Protagonisten so spannend zu verbinden, daß man in einem Zuge bei der Lektüre des umfangreichen, auf unglaublich sorgfältigen Recherchen beruhenden Buches bleibt und nicht nur viel über vertane Chancen der deutschen Geschichte und den unverantwortlichen Umgang mit dem Völkerrecht unter Hitler hinzulernt, sondern auch an dem abwechlungsreichen Leben eines Staatsbeamten aus dem zweiten Glied Anteil nimmt, der nach dem Zusammenbruch des Nazi-Staates eine bemerkenswert ehrliche Rolle als Zeuge der Anklage in Prozessen der Siegermächte gegen seine bisherigen Arbeitgeber gespielt hat. Was dazu führte, daß das Leben des als „Nestbeschmutzer“ verfemten Mannes in Einsamkeit zu Ende ging. Stuby: „Das Politische Archiv des AA, das über jeden noch so unbedeutenden Diplomaten zumindest Nachlaßsplitter aufbewahrt, führt nichts zu Gaus.“ Wurden seine Spuren getilgt?

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