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Ruth Liepman (1909 – 2001)

würde am 22. April 2009 hundert Jahre alt. Eine faszinierende Frau, die als Jüdin und Kommunistin im holländischen Exil nur mit viel Glück überlebt hat und zur wohl bedeutendsten Literaturagentin Europas wurde. Ich hatte das Glück, sie schon im Sommer 1965 kennenzulernen, als sie mich zusammen mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Heinz Liepman, wegen eines Buchprojekts über Kriegsdienstverweigerung aufsuchte. Bei dieser Gelegenheit entdeckte sie meine für den Familiengebrauch erfundenen Kindergeschich-ten („Die kann man drucken!“). Das war der Beginn einer lebenslangen Freundschaft.

Wenn man ihr freundliches Gesicht sah und ihre Heiterkeit und mitmenschliche Herzensgüte erlebte, konnte man vergessen, welch schweres Lebensschicksal und welche schlimmen Erfahrungen mit ihren deutschen Landsleuten diese zierliche Frau hinter sich hatte.

Aufgewachsen in Hamburg als Tochter eines sehr sozial eingestellten und beliebten Arztes lernte sie frühzeitig den antisemitischen Terror der Nazis kennen, die dem Vater die Existenzgrundlage und ihr selbst die Möglichkeit einer Universitätskarriere entzogen. Sie konnte noch ihr juristisches Studium beenden und den Doktortitel erwerben, mußte dann aber emigrieren, da sie wegen kommunistischer Aktivitäten mit Haftbefehl gesucht wurde. In den Niederlanden verhalf sie als Mitarbeiterin eines Anwalts vielen Juden zur Flucht ins Ausland, bis sie nach dem Einmarsch der Hitler-Wehrmacht selbst zum Untertauchen genötigt war. Bei einer Arbeiterfamilie in Beverwijk, die aus calvinistischer Glaubenshaltung die mit der Asylgewährung verbundene Gefahr bewußt auf sich nahm, wurde Ruth Liepman, als Kinderfrau und Haushaltshilfe getarnt, aufgenommen und erlebte dort schließlich die Befreiung.

Was sie in der Zeit ihres Exils an menschlicher Größe, aber auch an tiefen Enttäuschungen erlebt hat, läßt sich nicht in Kurzfassung erzählen. Sie hat als 83-jährige, kurz bevor ihr Gedächtnis in Altersdemenz verdämmerte, einem aufmerksamen Zuhörer ihr Leben und ihre Erinnerungen an Menschen, denen sie begegnet ist, erzählt. Helge Malchow, damals noch Lektor bei Kiepenheuer & Witsch, hat den munteren Ton ihrer Erzählung getreulich festgehalten, so daß eine sehr lesenswerte, ungewöhnlich ehrliche Autobiografie entstanden ist (1993 erschienen, aber leider nur noch antiquarisch zu haben).

Heinrich Hannover

 

Ruth Liepman: „Vielleicht ist Glück nicht nur Zufall“. Erinnerungen, Verlag Kiepenheuer & Zur Übersicht: Heinrich-Hannover.de

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