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Heinrich Hannover

 

Rezension von Margot Friedlander mit Malin Schwerdtfeger: „Versuche, dein Leben zu machen. Als Jüdin versteckt in Berlin“. Rowohlt Berlin 2008.  19,90 Euro

 

 

Margot Friedlanders unter Mitwirkung der Schriftstellerin Malin Schwerdtfeger entstandene Autobiografie ist die Geschichte einer Überlebenden des deutschen Judenmords. Ein mit hoher literarischer Qualität geschriebenes Buch über ein jüdisches Lebensschicksal in Zeiten staatlich organisierter Unmenschlichkeit. Man durchlebt und durchleidet mit der Autorin, die 1943 als 21-jährige in Berlin untertauchte, die Stationen ihrer fünfzehnmonatigen Flucht vor den Schergen des Hitler-Staates. Es gab Menschen, die ihr unter eigener Lebensgefahr jeweils für kurze Zeit Unterschlupf boten, es gab einen Arzt, der kostenlos ihre „jüdische“ Nase operativ veränderte. Aber es gab auch enttäuschende Erfahrungen mit Menschen, die hätten helfen können und es nicht taten. Der eigene Vater, von der Familie getrennt lebend und in Belgien in vermeintlicher Sicherheit, verweigerte in auch für ihn selbst schließlich verhängnisvoller Fehleinschätzung der Situation die von den Behörden verlangte Zustimmung zur Auswanderung der Minderjährigen. Die Mutter, tatkräftig aber vergeblich um rechtzeitige Auswanderung bemüht, fiel auf einen Betrüger herein, der gute Beziehungen zu einem Konsulat vortäuschte und ihr und anderen auswanderungswilligen Juden viel Geld abnahm. Als der Bruder zur Deportation abgeholt wurde, folgte ihm die Mutter ohne Abschied, nur mit dem mündlich hinterlassenen Rat „Versuche dein Leben zu machen.“ Der Bruder, die Mutter, der Vater und viele weitere Familienangehörige wurden in Auschwitz ermordet. Margot Friedlander wurde schließlich in der Joachimstaler Straße von Menschen angehalten, die sich als jüdische Greifer entpuppten und sie an die Gestapo auslieferten. Was sie dann im Lager Theresienstadt an Elend, Terror und Todesängsten erfuhr, erfüllte das, was man schon aus der Lektüre der Bücher von H.G.Adler und Philipp Manes über diesen Ort des Grauens wußte, mit neuer kaum erträglicher Genauigkeit. Daß sie dort einen Mann wiedertraf, den sie schon aus gemeinsamer Arbeit im Jüdischen Kulturbund in Berlin kannte, und ihn nach der Befreiung noch in Theresienstadt heiratete, ist nur ein kleiner Trost in diesem von jahrelanger Angst und Bitterkeit belasteten Menschenleben. Auch die USA, in die sie mit ihrem Mann schließlich auswanderte, wurden ihr nicht zur Heimat. „Ich lebe gern in Amerika, aber Dankbarkeit schulde ich diesem Land nicht... Damals, noch in Deutschland, als meine Familie und ich wirklich Hilfe gebraucht hätten, hat uns Amerika keine Chance gegeben.“ Ich habe das Buch tief erschüttert aus der Hand gelegt und den Wunsch verspürt, dieser Frau die Hand zu geben.

 

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